FreiBrief

Ulrike Guérot im Gespräch mit Gunnar Kaiser

Wer in den letzten Monaten die Diskussionen rund um die Corona-Maßnahmenpolitik verfolgte, stolperte irgendwann unweigerlich über die Namen „Gunnar Kaiser“ und „Ulrike Guérot“. Gunnar Kaiser ist Philosoph, Schriftsteller, Journalist und Lehrer. In jüngster Zeit wurde er vor allem durch seinen „Appell für offene Debattenräume“ https://idw-europe.org/ bekannt, welcher kritisch diskutiert wurde und wird. Ulrike Guérot ist Politikwissenschaftlerin und Publizistin und leitet an der Donauuniversität in Krems das „Department für Europapolitik und Demokratieforschung“.

Meiner Ansicht nach zeichnen sich beide vor allem dadurch aus, dass sie eine sehr angenehme Art der Diskussionsführung haben – sachlich und unaufgeregt. Ihre Argumente sind schlüssig und belegbar. Beide haben die Gabe, auf Kritik sachlich eingehen zu können. Beide scheuen nicht „das bessere Argument des anderen“. Und – was mich persönlich am meisten berührt – beide drücken in ihren philosophischen Gedanken den Wunsch nach einer Art von Leben aus, in welcher nicht die materielle Sicherheit, sondern die immateriellen Werte und die ideellen Tugenden höheren Stellenwert haben sollten.

Wenn ich in meiner Kanzlei hie und da auch einmal Arbeiten am Tisch liegen habe, die keine besonders hohe Konzentration erfordern, höre ich mir gerne Podcasts im Hintergrund an. Und manchmal muss ich dann sogar in meiner Arbeit kurz innehalten und einzelne Passagen noch einmal anhören, weil sie so beeindruckend und in der Lage sind, meinen Blickwinkel zu ändern bzw. mein Sichtfeld zu erweitern.

Dies war auch bei diesem Interview der Fall, an dem auch Dr. Matthias Burchardt teilnahm (Bildungsphilosoph, Publizist und akademischer Rat in Köln).

https://www.youtube.com/watch?v=pq2BJT0caPA

Die Stelle, die ich mir mehrfach anhörte und die mich dann auch noch den ganzen Tag beschäftigte, möchte ich kurz herauszitieren:

Ulrike Guérot: „Das zweite, was wir auf den Tisch legen könnten – das fällt mir jetzt ein – ist Baudrillard, „La société de consommation“. Kennt heut‘ keiner mehr, ganz interessant, aber in den 70er Jahren … Nun sind wir ja in dem Corona-Geschehen und ich würde auch vermuten, nur deswegen konnte es ja funktionieren: Wir hatten eine Krise, ohne eine Krise zu haben. Das heißt, keiner hat persönlich eigentlich gelitten. Wir mussten alle zu Hause sein, aber einige hatten darunter eigentlich gar nicht gelitten, weil sie es eh schön finden, immer zu Hause zu sein. Was ich aber sagen will, niemand hat gehungert, alle hatten es warm, das Fernsehen ist gelaufen, das Spielzeug war da, das heißt, die „société de consommation“ war völlig abgebildet. Jeder konnte konsumieren ohne Ende. Amazon hat’s vor die Haustür gebracht. Das heißt, die Befriedigung der Gesellschaft durch Konsumation, also Konsumismus, ist sozusagen in dieser Pandemie gelaufen, ohne dass das Politische, nämlich die Freiheitsbeschränkung, groß zum Skandal wurde. Natürlich wurde sie thematisiert, natürlich haben Leute dagegen gesprochen. Aber im Grunde haben wir Freiheit durch Konsum eingekauft. Und viele waren zufrieden zu sagen: „Hab ich kein Kino mehr, hab ich dafür Netflix. Ich kann jetzt mehr kochen. Ich hab ja alles.“ Und das war auch das entscheidende Argument immer zu sagen: „Dir fehlt ja nichts. Dir fehlt ja nichts.“


Matthias Burchardt: „“Das ist Jammern auf hohem Niveau.“ Das war der Vorwurf. In dem Moment, als wir ideelle Güter als bedroht erachtet haben, wurde uns entgegnet: „Euch fehlt nichts, also dürft ihr auch nicht jammern.““


Ulrike Guérot: „Genau. Sozusagen wurde das Krisenargument nur gemacht mit dem Rekurs auf die materiellen Güter und in dem Moment, wo da die Versorgung geleistet war, war die immaterielle Versorgung mit Kunst, mit Demokratie, mit Versammlung und so weiter nicht mehr relevant für das politische Geschehen. Und das finde ich als Politikwissenschaftlerin schon auffällig, weil natürlich das gesamte demokratische Geschehen darauf beruht, dass wir einen öffentlichen Raum haben, der als immaterieller öffentlicher Raum da und verhandelbar ist, weil im Rekurs auf das Private kann ich zwar buchstäblich überleben und sein und essen und trinken, aber eben keinen politischen Raum mehr bekommen. Und das ist wahrscheinlich etwas, das wir noch gar nicht erfasst haben.“

Meine Lieben, was sind eure Gedanken dazu? Welchen Stellenwert haben immaterielle Werte für euch persönlich? Welche Einschnitte müssen auf der materiellen Ebene passieren, damit ihr euch NICHT mehr mit den Tugenden und den immateriellen Werten beschäftigt?

Da ich des Französischen nicht ausreichend mächtig bin, um das von Ulrike Guérot zitierte Buch im Original zu lesen, habe ich für mich dieses hier bestellt: https://www.heyn.at/item/5124840?back=15d35bb020cb9c89c0417e5678be78f4

Ich freue mich, wenn ich an euren Ansichten und Ideen teilhaben darf!

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