FreiBrief

„Und bist du nicht willig …“

Seit ich in meiner eigenen Vergangenheit zurückdenken kann, war und ist es gesellschaftlicher Konsens, dass die persönliche Integrität immer zu respektieren sei. Wir spotten nicht über Adipöse oder Menschen mit anderen Handicaps. Wir unterstützen Obdachlose und Flüchtlinge. Wir verurteilen Mobbing an Bildungseinrichtungen und am Arbeitsplatz. Wir schützen Daten, wahren das Amts- und Bankgeheimnis und schätzen die Verschwiegenheitspflicht von Ärzten und Anwälten. Wir zwingen Menschen keine medizinische Behandlung auf, sondern bieten eine solche lediglich an. Vielleicht ist das aber alles nur Schönrederei?

Wenn es um Corona geht, ist sowieso alles anders. Plötzlich spielt die persönliche Integrität ganz offen keinerlei Rolle mehr.

Das Tragen von Masken und die Durchführung von Tests an Menschen ohne jegliche Symptome mag für viele überhaupt kein Problem darstellen. Für manche aber schon. Nun: Für viele Menschen ist es auch kein Problem, sich am FKK-Strand nackt auszuziehen. Für manche aber schon. Für viele Menschen ist es auch kein Problem, vor einer größeren Menschenansammlung Karaoke zu singen. Für manche aber schon. Für viele Menschen ist das Tragen eines engen Rollkragenpullovers am Hals oder kratziger Fingerhandschuhe aus Schurwolle kein Problem. Für manche aber schon.

Die Gründe für diese gegensätzlichen Empfindungen sind unterschiedlich. Die Gemeinschaft akzeptiert aber die diversen Haltungen, wenngleich manchmal auch mit einem heimlichen Kopfschütteln oder innerlichem Grinsen ob der kontroversen Ansicht des Nächsten.

Warum also kann die Gemeinschaft in Sachen Corona nicht akzeptieren, dass für manche Menschen das Tragen einer Maske oder die Durchführung eines Tests ob einer nicht einheitlich wahrgenommenen Gefährdungslage nicht nur Unbehagen, sondern sogar Ekel verursachen kann?

„Die Freiheit des Einzelnen endet eben da, wo die Freiheit des Anderen beginnt“, wird an dieser Stelle oft als Argument angeführt.

Gilt das aber nicht für beide Seiten?

„Ja, aber bei einer ansteckenden Seuche ist es einfach nur unsolidarisch, hier nicht über seinen Schatten zu springen“, kontert man in weiterer Folge regelmäßig.

Und an dieser Stelle klaffen dann die unterschiedlichen Lebensblasen der Gesprächspartner unsichtbar über deren Köpfen auf. Lebensblasen, die von der Vergangenheit und den darin gemachten Erfahrungen des Einzelnen gefüllt wurden, die dessen Weltbild und Lebenssinn begründen, die dessen Ängste und Sorgen, aber auch dessen Hoffnungen widerspiegeln. Diese Lebensblasen können ganz gegensätzliche Inhalte aufweisen. Und doch ist jede für seinen „Träger“ real. Zukünftige Entscheidungen fußen auf diesen Lebensblasen, die auch Wegweiser für die individuelle Risikoeinschätzung sind. Das gilt auch für den Umgang mit den Coronamaßnahmen, wenn man den Bogen wieder zur aktuellen Lage spannen möchte.

Meine persönliche Lebensblase sagt mir:

Sitze ich in einem bereits brennenden Flugzeug, werde ich den Fallschirm mit All-Over-Nasenpopel-Print dankend von der Stewardess annehmen, dabei jedes Gefühl von Peinlichkeit in Sekundenbruchteilen ablegen und springen. Allerdings werde ich nicht mein ganzes Leben lang mit just diesem Fallschirm in der Hand herumlaufen für den rein theoretischen Fall, dass ich ein Flugzeug besteigen könnte, das möglicherweise irgendwann zu brennen beginnt.

Wie verhielte sich dann jemand, der Flugangst hat und schon aus diesem Grund niemals ein Flugzeug betreten würde? Vielleicht würde er den Fallschirm vollends ablehnen und entsorgen? Vielleicht würde er ihn aber auch hie und da verwenden, um seine Kinder zum Lachen zu bringen? Möglicherweise würde er ihn neu bemalen und ihn seinem besten Freund schenken, der beruflich jede Woche mit China Airlines https://www.travelgrapher.de/informationen/die-5-gefaehrlichsten-airlines/ unterwegs sein muss?

Aktuell werden bildlich gesprochen Menschen mit Flugangst genötigt, die ganze Zeit mit so einem Rotznasensekret-Fallschirm herumzulaufen bei gleichzeitigem Verbot, ihn auch nur minimal zu verändern oder gar zweckzuentfremden. „Und bist du nicht willig …“

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