FreiGepäck

STEIERMARK – „Stoaschloss“

Linus (8) hatte in unserer Unterkunft am „Graslandhof“ am Abend eine kleine Broschüre zur „Ruine Steinschloss“ entdeckt. „Das könnten wir uns ja anschauen, Mama!“, meinte er. Gesagt, getan. Anderntags – nach einem reichlichen Frühstück – machten wir uns auf den Weg zum „Stoaschloss“, wie unser Gastgeber Georg zu sagen pflegte.

Zugegeben hatten wir uns nicht wirklich gut auf den Ausflug vorbereitet. Vermutlich hätte es schon ausgereicht, Linus‘ Broschüre auch zu LESEN anstatt nur die Bilder anzusehen. So hätten wir gewusst, dass es sich bei dieser Burg um die höchstgelegene der Steiermark handelte und wir uns auf ca. 1.200 m Seehöhe begaben. Der Himmel war bewölkt, es war windig bei eisigen Temperaturen und Merlin (2) trug nur ungefütterte Gummistiefel. Seine warm gefütterten Winterstiefel standen nach dem gestrigen Stallausflug zum Trocknen auf dem Heizkörper, in eine schönheitsfördernde Schlamm-Maske gehüllt, die – so meine Hoffnung – die Poren verfeinern und Unreinheiten beseitigen möge.

Unser Auto parkten wir, als die Straßenbedingungen eine Weiterfahrt vielleicht nicht unmöglich machten, wir aber durchaus ein gewisses Wir-Bleiben-Ohne-Ketten-Möglicherweise-Im-Schnee-Stecken-Risiko einkalkulieren mussten. Eine Umfrage im Auto ergab, dass zwei Familienmitglieder (Linus und ich) unbedingt trotzdem raus wollten, zwei sich der Stimme enthielten (Maja und Laurin), Michi zustimmte, weil er vor allem Linus einen Gefallen tun wollte und einer (Merlin) mangels Sprachkenntnissen an der Abstimmung nicht teilnehmen konnte.

Der erste Blick auf die Ruine war – vom Wetter abgesehen – vielversprechend und die Entfernung unter den gegebenen Umständen durchaus akzeptabel.

Michael war mit den drei großen Kindern vergleichsweise flott unterwegs. Ich trippelte mit Merlin hinterher, kam aber erst einmal nur etwa 200 m weit. Ein Traktor, der Baumstämme abtransportierte, hielt unmittelbar vor uns, und der Jungbauer schickte sich an, die Stämme mit der Motorsäge zu zerstückeln. Welcher Zweijährige lässt sich so etwas schon entgehen? So wurde das Geschehen hochkonzentriert beobachtet. An ein Weitergehen war erst zu denken, als der Traktor gestartet wurde, um weitere Baumstämme aus dem Wald zu holen.

Als wir den auf uns wartenden Rest der Familie erreichten, sah vor allem der Hausherr etwas verzwickt drein. Der kalte Wind bereitete ihm Ohrenschmerzen. Also übergab ich ihm meine selbst gehäkelte grüne Mütze und nahm voller Heldenmut die Qualen des frostigen „Wintersturmes“ auf mich. „Zeig bloß keinem ein Foto von mir mit dem Ding“, versicherte sich Michael bei mir. Dabei – so fand ich – stand sie ihm gar nicht so schlecht.

Der Unannehmlichkeiten nicht genug blockierte vor uns ein wohl schon vor einiger Zeit umgestürzter Baum den Weg. Merlin war zwischenzeitlich auf Michis Arme geklettert, wo es eindeutig wärmer für ihn war. Doch verlor er weiters kein jammerndes „Wort“ darüber und äußerte auch sonst keinen Unmut, was uns unseren Weg fortsetzen ließ. Wir wichen nach unten aus, umwanderten somit das entwurzelte Ungetüm und kamen dafür bei dieser wilden Besonderheit vorbei.

Erst beim Rückweg sollten wir bemerken, dass es durch das Geäst des umgestürzten Baumes einfacher gegangen wäre. Spaziergänger vor uns hatten schon Vorarbeit geleistet.

An der Hütte des Burgvereins vorbei, die jahreszeiten- oder coronabedingt geschlossen war, erhoben sich schon bald die ersten brüchigen Mauern vor uns.

Wie lange es wohl noch dauern wird, bis der Turm am tiefen Riss entlang endgültig abrutscht?

Im 12. Jahrhundert erbaut war das Gemäuer in die Jahre gekommen. Anfang des 16. Jahrhunderts noch an das Stift St. Lambrecht verkauft und zur Festung gegen Bauernaufstände und Türkenbelagerungen umgebaut war die Festung nach einem Brand gegen Ende des 18. Jahrhunderts dem Verfall preisgegeben. Unser Gastgeber wusste zu berichten, dass im Umfeld jede größere Bauernfamilie Relikte aus der Burg ihr „Eigen“ nennt. Die Ruinen seien regelrecht ausgeschlachtet worden, und so sollen sich in so manchen Stuben Taufbecken, Holzbalken und andere Übrigbleibsel aus längst vergessenen Zeiten finden.

Linus war äußerst zufrieden mit seinem Ausflugsziel. Am lustigsten fand er den kleinen Traktor, der im Schutz der alten Gemäuer überwinterte. Mir imponierte neben der eigentlichen Ruine und dem Zauber der Vergangenheit, der ihr innewohnte, das Zitat aus Schillers „Wilhelm Tell“, das auf einer Infotafel Erwähnung fand:

Michael hatte währenddessen mit dem Jüngsten am Arm und in Laurins Begleitung schon den Rückweg angetreten. Merlin war zufrieden damit, dass er sich in Papas kuschelige Wärme flüchten durfte und schlief dort auch unmittelbar ein. Und auch wir anderen verließen die Ruine Steinschloss nach unserem Rundgang.

Als wir uns nach den ersten Metern Autofahrt wieder aufgewärmt hatten, waren wir uns ausnahmslos einig, dass sich die kleine Wanderung jedenfalls gelohnt hatte.

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