FreiGeist

„Ich geh‘ mal zu Oma und Opa!“

Ich finde es einfach nur wundervoll, wenn sich der Aktionsradius unserer Kinder Schritt für Schritt immer mehr erweitert. Als Kind der Siebziger und in der Provinz großgeworden weiß ich um die Bedeutung des Territoriums, in dem man sich unbegleitet bewegen darf, für die soziale als auch für die emotionale Entwicklung. Und glaubt mir: Als ich jung war, war dieses Gebiet wirklich groß 😉

Die weiteste Strecke, die Linus (8) ohne jegliche Begleitung unterwegs ist, reicht von unserem bis zu Omas und Opas Haus – einen Stadtteil weiter bzw. 1,8 km entfernt.

Die Kinder beschäftigten sich von klein auf immer wieder ganz bewusst mit Verkehrsregeln und -zeichen, mit guter und schlechter Sichtbarkeit von Fußgängern und Fahrradfahrern bei Dunkelheit sowie mit nonverbaler Kommunikation mit Autofahrern über Blickkontakt. Für Linus‘ Externistenprüfung bereitete er all das, was über die Jahre für ihn schon zur Selbstverständlichkeit wurde, aber noch einmal in der Theorie auf.

Was aber wäre ein Freilerner-Leben ohne den Praxisbezug? Und so bestand das Kernstück unserer thematischen Auseinandersetzung mit dem Straßenverkehr aus unserem gemeinsamen Fußmarsch zu den Großeltern und der Erkundung aller Verkehrszeichen und Orientierungspunkte, die auf dem Weg lagen.

Die uralte Pappenfabrik, in dem auch Michaels Omi einmal lebte, wird aktuell renoviert und umgebaut. Das vorindustrielle Gebäude fand 1822 bereits erstmals Erwähnung. Schön finde ich die Prämisse des Baumeisters, Wohnraum ohne Neuversiegelung von Boden wieder nutzbar zu machen und möglichst autarkes Leben in den Vordergrund zu rücken. In den Obere Fellacher Bach wurde dafür ein sechs Meter hohes Gefälle eingebaut und ein kleines Wasserkraftwerk installiert. Geplant sind außerdem ein Glashaus sowie eine Fischzucht, die der Selbstversorgung dienen sollen. Sicher – noch schöner wäre es gewesen, hätte man mehr als die Grundmauern stehen gelassen. Noch nachhaltiger wäre es gewesen, hätte man sich um ökologischere Baumaterialien bemüht. Und noch sinnlicher wäre es gewesen, wenn der Bach in seinem natürlichen Lauf vorbeigeplätschert wäre anstatt ihn dermaßen zu vergewaltigen. Dennoch ist das Projekt für mich um Welten besser als so viele andere Beton-Barracken-Projekte, die Villach in meinen Augen mehr und mehr verschandeln. Für Linus ist dieses Haus auf alle Fälle einer der eindrucksvollsten Orientierungspunkte auf dem Weg zu seinen Großeltern.

Einen kleinen Abstecher zur Volksschule machten wir in weiterer Folge auf Anregung des Jungen. Immerhin gebe es dort ein Verkehrszeichen, das er sonst nirgendwo am Weg entdeckt hätte.

Und die alte Sommerlinde ist ohnedies immer einen Besuch wert.

In der Unteren Fellach musste sich Linus dann gleich viel mehr konzentrieren als in seinem eigenen Stadtviertel. Wenngleich er zusätzlich alternative Wege kennt, die wir möglicherweise an anderer Stelle noch vorstellen mögen, entschied er sich dieses Mal für die belebtere Strecke – immerhin waren wir auf der Suche nach Verkehrszeichen. Ein weiterer guter Orientierungspunkt ist dieser Bildstock:

Bald schon waren wir bei den Großeltern angelangt und genossen den Besuch. Im Nachgang versuchte Linus, den Weg noch nachzuzeichnen. Das war gar nicht so einfach! Aber seht selbst!

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